Die Frottola: musica cortigiana in der Entwicklung des kulturellen Diskurses in Italien 1500-1530


PD Dr. Sabine Meine

 

1. Die Themenstellung

Der zentrale Gegenstand dieser Arbeit ist die Gattung der Frottola, höfische Vokalmusik, die sich um 1500 zur ersten musikalischen Gattung genuin italienischer Prägung etablierte. Im 15. Jahrhundert zunächst eine mündliche Dichter-Musiker-Praxis, verbreitete sie sich durch den Aufschwung des neu entstandenen Notendrucks bis in die 1520er Jahre hinein auch schriftlich. In nur zehn Jahren - zwischen 1504 und 1514 - publizierte Ottaviano Petrucci in Venedig elf Frottolen-Sammlungen; weitere fünfzehn Drucke anderer italienischer Verleger erschienen in einem längeren Zeitraum von 1510 bis 1531. Gegen 1530 erschöpfte sich die Nachfrage nach Neuauflagen oder neuen Drucken; die Frottola entsprach nun offenbar nicht mehr dem Zeitgeschmack.

Seitens der Musikwissenschaft, zumal der deutschsprachigen, ist die Frottola in ihrer Funktion als höfisch repräsentative Gattung des frühen 16. Jahrhunderts bislang nicht eingehend untersucht worden. Immer wieder erlag die Wissenschaft der Gefahr, die Frottola an für sie irrelevanten Kompositionstechniken und poetologischen Ansprüchen zu messen und daher gegenüber dem späteren Madrigal oder der Ästhetik frankoflämischer Kompositionen abzuwerten. Für ein historisch adäquates Verständnis der Gattung ist es notwendig, nicht nur die konkrete Gestalt von Musik und Text zu analysieren, sondern sie auch innerhalb der soziologischen und literarischen Kommunikationsprozesse der Hofkultur zu situieren.

Die Jahrzehnte zwischen 1500 und 1530 sind in der italienischen Kultur von tiefgreifenden Veränderungsprozessen geprägt: Die Verbreitung des Druckwesens, der aufkommende Petrarchismus, die Diskussion um eine einheitliche Vulgärsprache und die Entstehung von Anstands- und Liebestraktaten sind Phänomene, die seitens der Ideen- und Sprachgeschichte auf die Öffnung des humanistischen Diskurses nach 1500 und somit auf Umbrüche von Mentalitäten und Verhaltensregeln in der oberitalienischen Gesellschaft dieser Zeit verweisen.

Es ist Ziel des Projektes, die Gattung Frottola zu diesen Prozessen in Beziehung zu setzen. Über einen interdisziplinären Zugang soll die Verankerung der Frottola in den Entwicklungen der ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts aufgezeigt werden.



1.1 Amore - zentraler Bereich der Diskursivität und Verhaltensdifferenzierung

Die Frottola basiert zum größten Teil auf poesia per musica aus dem Bereich der Liebeslyrik.

An der Wende zum 16. Jahrhundert hatte Literatur zum Thema amore Konjunktur und nährte sich dabei aus verschiedenen Strömungen, der antiken Lyrik, dem Humanismus und der volkssprachlichen Dichtung. Seit Norbert Elias' Studien zur "höfischen Gesellschaft" und zum "Prozeß der Zivilisation" haben sozialhistorische Forschungsansätze die amore-Diskurse als zentrale Kommunikationsebene der höfischen Gesellschaft des Cinquecento beschrieben und daran einerseits Aspekte persönlichen Denkens, Fühlen und Mitteilens der Akteure aufgezeigt, andererseits aber auch grundlegende gesellschaftliche Normen und Entwicklungen.

In der Entwicklung der Frottola zeichnen sich diese Diskurse ab, worunter der Petrarchismus ein zentraler ist: Beginnend in den strambotti des namhaften Dichter-Musikers Serafino dell'Aquila (+ 1500) über eine erstaunliche Fülle an Petrarca-Vertonungen im letzten Frottolen-Buch Petruccis (1514) bis hin zur "Musica sopra le canzoni di Petrarca" (Venedig: Petrucci 1520) geht der frühe Petrarchismus mit einer schriftlichen Differenzierung und Verfeinerung von Dichtung und Musik einher: Erweiterungen des Strophenprinzips, Ansätze musikalischer Textausdeutungen und die verstärkte Vertonung von formal freieren Textgattungen sind musikalische Mittel, die den höfischen Ansprüchen nach Verfeinerung der Umgangsformen folgen. Sie gingen mit der Normierung von Inhalten einher: Volkstümliche Liebessujets wurden unpopulärer oder aber zu Anti-Diskursen normiert. Die Rezeption des Canzoniere spielte dabei eine zentrale Rolle.

Die Entwicklungen in der textlichen und musikalischen Gestaltung der Frottolen-Sammlungen deuten somit auf soziologische Wandlungen, die erst über Kontextstudien zu damaligen Ausprägungen von amore verständlich werden.

2. Zur Forschungslage und zur Methodik

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts sind erste Standardwerke und umfangreiche Quellenstudien zur weltlichen Musikgeschichte der italienischen Renaissance entstanden, in denen der Frottola in der Nachbarschaft zum Madrigal und zur Chanson oftmals eine untergeordnete und abwertende Rolle zugesprochen wurde. Verstärkt durch den Einfluss der ästhetisch normativen literaturgeschichtlichen Studien Benedetto Croces zur Poesie des 15. und 16. Jahrhunderts konnte sich lange ein die historische Relevanz der Gattung verfälschendes Bild halten. Um dieses zu korrigieren, haben sich die Forscher der nächsten Generation, maßgeblich Nino Pirrotta, Claudio Gallico und William Prizer, Fragen des Einflusses des Patronats und von Hof- und Volkspoesie bzw. -musik auf die Gattung gewidmet. Dabei haben Gallico und Prizer bereits auf die soziologischen Implikationen und Differenzierungen der in der Musik wie im höfischen Kontext zentralen Thematik amore aufmerksam gemacht. Zentral sind diese Aspekte jedoch Mitte der 1990er Jahre für Beiträge aus den Gender Studies geworden, die im- oder explizit auf diskursanalytischen Ansätzen Michel Foucaults aufbauen und diese weiterführen. Zum Teil laufen sie dabei Gefahr, historische Verfahrensweisen zu vernachlässigen, haben aber entscheidende neue Perspektiven aufgeworfen.

Im Hinblick auf eine Musikkultur wie die der Frottola, die mit den Maßstäben einer kunstwerk- und künstlerorientierten Ästhetik nicht zu untersuchen und in besonderem Maß mit literarischer Produktivität verbunden ist, bietet sich ein diskursanalytisches Verfahrens insbesondere wegen ihres erweiterten Textbegriffs an. Für die Musikwissenschaft hat die Grundlage eines solchen kulturhistorischen Vorgehens letztlich bereits Carl Dahlhaus gelegt, der Strukturgeschichte als die "Vorstellung" beschreibt, "daß Handlungen von Personen oder Gruppen stets den Bedingungen eines übergreifenden Bezugssystems unterworfen sind, das wegen seiner fundamentalen Bedeutung den primären Gegenstand der Historiographie darstelle".

3. Zur Arbeit mit den Quellen und der Literatur

Im Sinne einer musikalischen Gattungsgeschichte, die musikalische Werke und ihre Aufführungen im Zusammenhang zu den sie leitenden kulturellen und sozialen Handlungen begreift, fließen in diese Arbeit musikalische Quellen des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts gleichwertig neben literarischen Quellen ein. Gleichermaßen wird musikwissenschaftliche Sekundärliteratur zusammen mit solcher aus den Literatur-, Sozial- und Geschichtswissenschaften diskutiert, um an aktuelle Diskussionen in den benachbarten Kulturwissenschaften anknüpfen zu können.

Zentrale Quellen befinden sich Norditalien, musikalische Handschriften v. a. in Modena, Florenz und Bologna, Archivalien in Modena und Ferrara (Korrespondenzen der Literaten, Höflinge und Patrone sowie Besoldungs- und Verwaltungsbücher in den Frottola-Zentren Mantua und Ferrara), weitere Quellen sind in Bibliotheken zugänglich (Musiktheorie-, Liebes- und Anstandstraktate).