Geschichte

Die Musikgeschichtliche Abteilung des Deutschen Historischen Instituts in Rom erforscht die italienisch-deutschen Musikbeziehungen aus der Zeit des ausgehenden Mittelalters bis ins 21. Jahrhundert. Ihre Gründung unter dem damaligen Institutsdirektor Prof. Walther Holtzmann (1953–1962) geht auf eine Initiative von Prof. Friedrich Blume, Gründer und in den Jahren 1947–1962 Präsident der Gesellschaft für Musikforschung, sowie Prof. Karl Gustav Fellerer (Universität Köln) zurück, die seit 1953 Verhandlungen mit dem Ziel der Errichtung einer musikwissenschaftlichen Forschungsstelle in Rom führten.

Ab Ende 1958 wurde Dr. Paul Kast mit entsprechenden Vorarbeiten zur Einrichtung der Forschungsstelle am ursprünglichen Sitz des Deutschen Historischen Institut in Rom, am Corso Vittorio Emanuele 209, betraut. Grundstock der musikwissenschaftlichen Fachbibliothek bildete ein ca. 800 Bde. zählender musikhistorischer Bestand, der zwischen 1938 und 1942 in der ›Kulturabteilung‹ der Biblioteca Hertziana aufgebaut worden war. Seine zielgerichtete Mehrung zur Basis einer musikwissenschaftlichen Fachbibliothek gehört mit zu Kasts bleibenden Verdiensten.

Alessandro Sanquirico, Piazza pubblica nell'Esule di Roma. Die Farblithographie aus den Beständen der Musikgeschichtlichen Abteilung hält eine Szene aus der Oper Esule di Roma von Gaetano Donizetti (Text: Domenico Gilardoni) in deren Inszenierung an La Scala in Mailand im Jahre 1828 fest.

Am 1. Januar 1962 übernahm Dr. Helmut Hucke die Leitung der Arbeitsstelle, kehrte aber bereits 1964 auf eigenen Wunsch an seine Wirkungsstätte (Univ. Frankfurt a.M.) zurück.

1963 erschien im Böhlau Verlag (Köln – Graz) der noch von Paul Kast herausgegebene erste Band der Schriftenreihe der Musikgeschichtlichen Abteilung Analecta musicologica, innerhalb derer als Unterreihe zugleich die Studien zur italienisch-deutschen Musikgeschichte (ab Analecta musicologica Band 22 als Studien zur italienischen Musikgeschichte) begründet wurden.

Am 30. Juni 1964 übernahm Dr. Friedrich Lippmann die Leitung der Musikgeschichtlichen Abteilung, die er bis zum Jahre 1996 innehatte. Lippmanns über 32-jähriges Wirken stand ganz im Zeichen der Forschungen zur italienischen Oper sowie des Dialogs zwischen der deutschen und italienischen Musikwissenschaft.
 
An der Ausbildung eines breit gefächerten Themenspektrums wirkte neben Lippmann vor allem Dr. Wolfgang Witzenmann mit seinen Untersuchungen zur Geschichte der Musik des Lateran und zum Schaffen Domenico Mazzocchis.

Auch Holtzmanns Nachfolger im Amt des Direktors des Deutschen Historischen Instituts in Rom, Prof. Gerd Tellenbach (1962–1972), hat die Entwicklung der musikgeschichtlichen Abteilung maßgeblich gefördert, wobei sich die fachliche Beratung durch die Ständige Kommission für Auslandsstudien der Gesellschaft für Musikforschung in der Person Fellerers als tragfähiges Element für die institutionelle Integration erwies.

Unter dem Direktorat von Prof. Reinhard Elze (1972–1988) erfolgte 1974 der Umzug des Deutschen Historischen Instituts an seinen heutigen Sitz in der Via Aurelia Antica 391, wo die Musikgeschichtliche Abteilung Bibliotheks-, Magazin- und Arbeitsräume erhielt, mit denen den vor allem durch die Nachfrage von Seiten der italienischen Musikwissenschaft rasant wachsenden Anforderungen Rechnung getragen werden sollte.

Vincenzo Roscioni, Giovanni Paisiello. Die Lithographie aus den Beständen der Musikgeschichtlichen Abteilung zeigt den unter anderem mit seinem Barbiere di Siviglia mit erfolgreichsten italienischen Opernkomponisten des späten 18. Jahrhunderts auf der Höhe seines Ruhmes und ist in dieser Version des 19. Jahrhunderts Don Enrico Ruspoli gewidmet, der der päpstlichen »Guardia Nobile« angehörte.

Unter der Herausgeberschaft Lippmanns wurden die Analecta musicologica zu einem renommierten musikwissenschaftlichen Periodikum mit Sammlungen thematisch freier Aufsätze, den Vorträgen der von der Abteilung organisierten Tagungen sowie mit Monografien, unter letzteren auch herausragende Dissertationen und Habilitationsschriften. Neben Analecta musicologica trat 1973 als zweite Publikationsreihe der musikgeschichtlichen Abteilung Concentus musicus. Sie legt in wissenschaftlich kritischen Editionen Musikwerke verschiedener Epochen und Gattungen vor, die für den italienisch-deutschen Kontext meist eine besondere Bedeutung erlangt haben (Hasse, Priuli, D. Mazzocchi, Stradella, Paisiello).

Der stetige Ausbau der Bibliothek vollzog sich neben der Akzession moderner Musikausgaben und aktueller Forschungsliteratur (Zeitschriften, Monografien, Nachschlagewerken, Partituren, Klavierauszüge, Operntextbücher etc.) wesentlich über antiquarische Erwerbungen, darunter 1979 eine Sammlung venezianischer Libretti des 17. und 18. Jahrhunderts aus dem vormaligen Besitz des italienischen Musikwissenschaftlers Remo Giazotto, sowie über die Archivierung von Quellen in Form von Mikrofilmen oder Fotokopien aus wichtigen Bibliotheken und Archiven – auch Familien- und Adelsarchiven – insbesondere in Rom und Neapel.

Camillo Contarini, L'Arbace (aus den Librettobeständen der Musikgeschichtlichen Abteilung). Der Venezianische Adlige widmete sein 1667 in Venedig gedrucktes Tragidrama musicale dem Opernenthusiasten und Theaterautor Kardinal Pietro Ottoboni in Rom, aufgeführt wurde es nie.

In der Zeit des Direktorats von Prof. Arnold Esch (1988–2002) wurde in der Musikgeschichtlichen Abteilung erstmals eine bibliothekarische Fachkraft eingestellt mit dem Tätigkeitsschwerpunkt des Aufbaus eines computergestützten Bibliothekskatalogs.

1997 übernahm Dr. Markus Engelhardt die Leitung der Musikgeschichtlichen Abteilung. Unter Beibehaltung bewährter Konzeptionen sowohl der Schriftenreihe Analecta musicologica und der musikalischen Denkmälerausgabe
Concentus musicus als auch der international besetzten musikwissenschaftlichen Kongresse im zweijährigen Turnus und jährlich eines öffentlichen musikwissenschaftlichen Vortrags konnten sich als Schwerpunkte der Arbeit der Abteilung in den zurückliegenden Jahren insbesondere auch Untersuchungen profilieren, die dem Genius loci der Stadt Rom verpflichtet sind und den Wechselbeziehungen zwischen Kirche und Musik unter stil- und gattungsgeschichtlichem wie institutionsgeschichtlichem und musiksoziologischem Aspekt nachgehen.

2001 wurde mit dem Veranstaltungszyklus Musicologia oggi eine neue Plattform zur Präsentation aktueller musikwissenschaftlicher Forschungsprojekte und Publikationen geschaffen, über die einerseits der fachliche Dialog und die institutionelle Zusammenarbeit ausgebaut, andererseits Ziele, Methoden und Erfolge zeitgemäßer musikwissenschaftlicher Forschung im Kontext der Musikkulturen Italien und Deutschland auch einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt werden.

Gaspare Spontini, Olimpie. Zu den »Schätzen« der Musikgeschichtlichen Abteilung gehört dieser vom Komponisten in späterer Zeit ausdrücklich als autograph attestierte Abschnitt (3. Akt) aus dessen am 1819 in der Opéra zu Paris uraufgeführter Tragédie lyrique (Text: A. M. Dieulafoy und C. Brifaut nach Voltaire).

Seit 2002 gehört das Deutsche Historische Institut der Max Weber Stiftung - Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland an, als ihr ältestes und – einziges mit einer Musikgeschichtlichen Abteilung.

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