Musicologia oggi

Vortragszyklus "Klangbild Reformation"

Irmgard Scheitler (Würzburg)
‚Lutherus redivivus‘. Zur Musikgeschichte frühneuzeitlicher Reformationsjubiläen

Deutsches Historisches Institut in Rom
30. März 2017, 18.00 Uhr

1617 eine Feier der Reformation anzusetzen, erweist sich bei näherem Hinsehen als keineswegs selbstverständliche, vielmehr als bewusst durchgesetzte Aktion. An der Schwelle zum Dreißigjährigen Krieg befand sich die erneuerte Kirche in einer schwierigen Situation. Einerseits bereits zum Establishment geworden und durch das Bündnis mit den Herrschenden ermüdet, sah sie sich andererseits von einem erstarkenden Katholizismus bedrängt. Nun sollte die Jubelfeier neue Kraft spenden, ja der Reformator selbst sollte sprechen. Musik und Theater boten sich als Medien an. Vor allem in seinen Liedern wurde Martin Luther gegenwärtig. Er sang sie selbst, wenn er sich auf der Bühne christusgleich aus dem Grab erhob und über seine Feinde triumphierte. Mit den Worten seiner deutschen Bibel rüttelte er in Neukompositionen seine Kirche auf. Liedeinsatz, Auswahl der Schrifttexte für Figuralmusik sowie Schauspieltexte und -musiken in Kirchen, Universitäten und Schulen zeigen einen trotzigen Charakter. Im Vergleich dazu nehmen sich die Feiern 1717 abgeklärt aus. Eine wichtige Rolle spielte jetzt die auf dem Konzertpodium vorgetragene Gattung Kantate, die an die Stelle von Inszenierungen des leibhaftigen Luther auf der Schauspielbühne trat. Eine fast spektakuläre Ausnahme im fernen Zittau bestätigt die Regel.

Irmgard Scheitler hat katholische Theologie, Germanistik und Byzantinistik in München studiert, wo sie 1979 mit der Dissertation Das Geistliche Lied im deutschen Barock (Berlin 1982) promoviert wurde. Nach ihrer Habilitation 1995 in Dresden (Gattung und Geschlecht. Reisebeschreibungen deutscher Frauen 1780-1850, Tübingen 1999) lehrte sie bis 2015 als apl. Professorin im Fach Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg. Sie veröffentlicht zur gesamten deutschen Literaturwissenschaft mit den Schwerpunkten Gegenwartsprosa, Theater und Literaturen der Frühen Neuzeit sowie Reiseliteratur, ist Autorin grundlegender Monografien zur Beziehung zwischen Musik und Literatur – insbesondere mit Blick auf Lied, Kantate, Oratorium und Schauspiel – sowie Mitherausgeberin des Jahrbuchs für Liturgik und Hymnologie.

Vortrag in deutscher Sprache

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