Dr. Richard Erkens

Einflussgröße Impresario. Prämissen italienischer Opernaufführungen im 18. Jahrhundert

Das Forschungsprojekt konzentriert sich einerseits auf die Figur des Impresario und seinen Einfluss auf opernhistorische Entwicklungslinien, andererseits auf die sich ändernde, durch Vernetzungen von Zentren und Peripherien gezeichnete Operntopographie im vorrevolutionären Italien. Obwohl die Personengruppe, die im 18. Jahrhundert die Funktion eines Impresario übernahm, heterogener nicht sein konnte, war die Tragweite ihrer Tätigkeit und damit ihr Einfluss auf die Opernaufführung in jedem der institutionellen Erscheinungsformen Hoftheater, Gesellschaftstheater und Impresariotheater von herausragender Größe: Wer Entscheidungsprozesse wie das Engagement von Künstlern, die Auswahl von Libretti, die technische Realisierung sowie das operative Geschäft von Abendveranstaltungen zu verantworten hatte, legte die qualitativen und ästhetischen Rahmenbedingungen fest, in denen sich Oper ereignen konnte: Der Impresario war, so die Arbeitsthese, die maßgebliche Instanz über die Prämissen einer Aufführung; pointiert formuliert, der spiritus rector über die Bedingungen, unter denen sie sich ereignen konnte.
Die opernhistorische Relevanz dieser Leitungsbefugten erscheint unzweifelhaft. Sie tritt jedoch in der realen wie wissenschaftlichen Wahrnehmung hinter dem Ereignis der Aufführung zurück. Dieser Mechanismus vorbereitender Aktivität soll durch eine interdisziplinär ausgerichtete Studie in seiner Komplexität aufgeschlüsselt werden. Die Bedingungen zu rekonstruieren, unter denen Impresari in verschiedenen Kontexten Entscheidungen trafen, treffen mussten, ausführten und mitgestalteten, sowie den Entscheidungshorizont auszuloten, in dem sie agieren konnten, erscheint für das 18. Jahrhundert eine lohnende Herausforderung, da sich hier italienische Produktionssysteme und eine Operntopographie konsolidierten, die sich dann zur "Opernindustrie" des 19. Jahrhunderts optimieren konnten.
Die Rekonstruktion der Entscheidungshorizonte eines Impresario, seiner Einflussgröße im Produktionsprozess sowie ihrer Veränderungen wird durch Leitfragen strukturiert: Welche Entscheidungskompetenzen wurde einem Impresario in den verschiedenen Theaterformen übertragen? Auf welche Kommunikationswege bzw. personellen Netzwerke konnte er sich stützen? Welchen Erfahrungshorizont bzw. welche Kenntnis von anderen Theatern und Städten brachte er mit? Welche Vermittlungsarbeit zwischen den verschiedenen Parteien (Auftraggeber/Logenbesitzer, Publikum, künstlerisches Personal) war wann und wie zu leisten? Auf welche Innovationen musste er reagieren bzw. welche Entwicklungen wurden von ihm mitgestaltet? An welche personellen Konstellationen lassen sich Verschiebungen, Entwicklungsansätze, Innovationen innerhalb der italienischen Operntopographie rückbinden? Mit Hilfe dieser perspektivisch auf den Impresario und seinen Tätigkeitsbereich ausgerichteten Fragestellungen soll versucht werden, sowohl ein vertieftes Verständnis für die Produktionsmechanismen der Zeit zu gewinnen als auch für opernhistorische Entwicklungen, die durch musik- und kulturwissenschaftliche sowie sozial- und politikgeschichtliche Forschungsliteratur bereits beschrieben wurden, weitere Erklärungsansätze zu finden.